Katrin Blawat — 2026
Die
Kunst
krank
zu sein
»Ankommen werde ich vielleicht nie. Aber ich halte fest, was zählt.«
Ein philosophisch-literarisches Essay-Buch über chronische Krankheit – und die Fragen, die das Leben stellt, wenn es anders läuft als geplant. Kein Ratgeber. Keine Leidensgeschichte.
Leseprobe
Einleitung
Gibt es ein richtiges Leben im falschen?
Diesmal würde mich der Rollstuhl hoffentlich nicht enttäuschen. »Wetten, dass ich schneller bin?«, hatte ich die Mitpatientin in der Rehaklinik gefragt. Beide saßen wir in so einem elektrisch betriebenen Gefährt. Doch mein Rollstuhl war das neuere Modell, und nur er hatte einen Rennhasen als Symbol für die höchste Geschwindigkeitsstufe (und eine Schildkröte für die niedrigste). Gute Voraussetzungen also.
Ganz sicher war ich mir trotzdem nicht. Ein paar Tage zuvor hatte ich den Knopf mit der Hupe ausprobiert und war in Erwartung eines durchdringenden Signals hinaus auf den Parkplatz gefahren. Doch dann fiepte es nur, als wäre eine Maus unter die Räder geraten.
Der Rennhase hielt sein Versprechen, er fuhr mehrere Sekunden Vorsprung heraus. Ich triumphierte, ließ den Rollstuhl fiepen und schaltete wieder auf Schildkröte. Zurück in der Klinik, hielt die Hochstimmung an. »Siehste, Adorno«, dachte ich, »und ob es das gibt: ein richtiges Leben im falschen.«
Dieser Moment im Rollstuhl hat mir gezeigt: Man muss lernen, den richtigen Augenblick zu erkennen – und zwar unter Bedingungen, die das alles andere als leicht machen. Zum Beispiel, wenn man chronisch krank ist. Dann hilft es auf Dauer wenig, sein »falsches« Schicksal nur zu beklagen. Was es dann vielmehr braucht, ist die Kunst krank zu sein.
In meinem Fall handelt es sich um eine rheumatische Krankheit mit dem unaussprechlichen Namen Spondylitis ankylosans (auf deutsch: verknöchernde Wirbelsäulenentzündung – genau so fühlt es sich auch an), besser bekannt als Morbus Bechterew. Oft tritt sie nur in leichter Form auf. Was das angeht, habe ich einfach Pech gehabt.
Das Leben zum Gelingen zu bringen, ist eine Kunst – und zwar eine, die mühsam erlernt und stetig geübt werden will. Nicht die Kunst, gesund zu bleiben oder zu werden. Sondern eine viel schwierigere: chronisch krank und trotzdem mit dem eigenen Leben zufrieden zu sein.
So richtet sich dieses Buch nicht nur an Menschen, die selbst chronisch krank sind. Sondern auch an alle anderen – weil jeder irgendwann in das Reich der Kranken einreist, und weil die Fragen, die sich dort stellen, im Grunde die Fragen jedes Lebens sind: Was trägt mich? Wie ist ein gutes Leben möglich, wenn die Dinge auf einmal anders laufen als erhofft?
»Glück ist: Ins Grüne zu können oder auch nur vor die Haustür«, schreibe ich ins Tagebuch. »Wenn im Café noch ein Tisch frei ist. Hilfe zu erhalten und helfen zu können. Vor dem Gewitter heimkommen. Wenn Schmerzen verblassen.«
Ankommen werde ich vielleicht nie. Aber ich halte fest, was zählt.
Das Buch
Krank zu sein ist eine Kunst.
Katrin Blawat ist chronisch krank. Die Gelenke schmerzen, jede Bewegung strengt an. Daran wird sich nichts ändern. Was sich ändern lässt, ist alles andere. Denn krank zu sein ist eine Kunst. Ein Rollstuhl-Rennen gewinnen und triumphierend hupen. Die Frühverrentung auf einer Dachterrasse feiern. Darüber weinen, dass keine Wanderung zu einer Kaiserschmarrn-Hütte mehr möglich ist. Und sich am nächsten Morgen über das Schnurren der Katzen freuen. So etwas zu erlernen, geht alle an. Denn irgendwann steht jeder Mensch vor der Frage: Wie lebe ich gut, wenn die Dinge nicht so laufen wie erhofft?
In persönlichen Essays schildert die Autorin, was es bedeutet, mit einer schweren rheumatischen Krankheit zu leben. Dabei erkundet sie die verschiedenen Lebensbereiche, die eine chronische Krankheit verändert, unter anderem Körper, Schmerz, Arbeit und Freundschaft. Philosophische und literarische Bezüge weiten den Blick zu einer Beschreibung des Guten Lebens, die auch für Gesunde relevant ist.
Inhalt
- 01EinleitungGibt es ein richtiges Leben im falschen?
- 02DiagnoseÄrzte geben gruselige Erklärungen – und werden zu Lebensbegleitern
- 03Chronisch krankWie sich der Alltag verändert, wenn Gesundheit keine Option mehr ist
- 04KörperWie man sich selbst fremd wird
- 05SchmerzenWehtun kann es auf verschiedene Arten. Doch wie davon erzählen?
- 06RollstuhlDie andere Mobilitätswende: Wie ein Hilfsmittel zum Freund wird
- 07ArbeitVom Journalisten- zum Rentenausweis: Den Job loszulassen, tut weh
- 08FreundschaftDas Umfeld eines Kranken leidet mit. Wachsen können Beziehungen trotzdem
- 09Gutes LebenVon zehrendem Unkraut und nährenden Lebenspflänzchen
Die Kunst krank zu sein ist ein kluges, ehrliches und sehr menschliches Buch. Es verklärt nichts und liefert keine einfachen Antworten. Aber es zeigt, wie Würde, Selbstachtung und Lebensfreude auch dann möglich bleiben können, wenn der eigene Körper Grenzen setzt.
Fragen zum Buch
Häufige Fragen
Zur Autorin

- Geb.
- 1982
- Ort
- München
Katrin
Blawat
Katrin Blawat, geboren 1982, arbeitete 15 Jahre lang als Wissenschaftsjournalistin, vor allem für die Süddeutsche Zeitung, außerdem für Magazine wie Mare, Geo und P.M..
In dieser Zeit begann sie – mit einer rheumatischen Erkrankung als Lehrmeister – sich in der Kunst des Krankseins zu üben. Noch mehr Gelegenheit dazu hat sie, seit sie im Alter von 40 Jahren aus gesundheitlichen Gründen berentet wurde.